Das Projekt „We, the six million“

Wie entstand „We, the six million“ und was beinhaltet es heute?

    Mit den Worten „We, the six million murdered people speak“ beginnt ein Gedicht von Dr. Davin Schönberger, dem letzten Rabbiner der Aachen Synagogengemeinde vor den Novemberpogromen 1938. Es bezieht sich auf die sechs Millionen Juden, die im 2. Weltkrieg ermordet wurden und äußert Wünsche, wie die Nachfahren, also wir, mit diesem Verbrechen, dem Tod und dem Leid umgehen sollten. „We will survive in you. We ask your mind to be our monument whose imprint bears our names.”

    Für ihn ist der Völkermord an den Juden, die Shoah, (übersetzt etwa mit „großes Unheil, Katastrophe“) Teil menschlicher Identität geworden, der uns dazu verpflichtet, für „justice, harmony and peace for all“ in der Welt zu sorgen.

    Schönbergers Zitat und seinem Appell folgend, wollten die Studierenden im Historischen Institut der RWTH Aachen, die sich 2018 (80 Jahre nach den Novemberprogromen) zu Beginn des gleichnamigen Projektes mit ihrem Dozenten Dr. Christian Bremen zusammenfanden, nicht nur quellenhistorisch arbeiten, sondern auch mehr über das konkrete Leben der Opfergeneration und ihrer Nachfahren erfahren und dieses reflektieren. Neben einer Betrachtung individueller Schicksale vor dem zwangsläufig negativen Aspekt der Shoah wollten sie das tatsächliche Leben der Menschen kennenlernen, die später stigmatisiert, ausgegrenzt, vertrieben und ermordet wurden. Wie erging es also den Opfern aus der Region vor, während und nach der Shoah?

    Dem entspricht der Untertitel unseres Projekts: „Lebenswege von Opfern der Shoah aus dem westlichen Rheinland“.

    Informationen hierüber fanden die Studierenden in den ihnen zugänglichen historischen Quellen, den sogenannten Entschädigungsakten. In Westdeutschland konnten, auf der Basis des Bundesentschädigungsgesetzes, in der NS-Zeit verfolgte und geschädigte Menschen einen Antrag auf Entschädigung nationalsozialistischen Unrechts stellen. In vorgegebenen Formularen schilderten sie ihre Lebensgeschichten und beschrieben genau die Verfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus. Durch Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden oder Schulzeugnisse mussten Lebensgeschichten nachgewiesen werden. Die Schilderung der Verfolgung wurde oft durch Zeugenaussagen verifiziert.

    Infolge ihrer Arbeit mit diesen besonderen Quellen erhielten die Studierenden multiperspektivische Einblicke in das Leben jüdischer Verfolgter und genauere Eindrücke von diesen Menschen. Hieraus entstanden auch Interviews, persönliche Begegnungen und enge Kooperationen mit den Familien, so dass aus den unpersönlichen, statischen Akten, lebendige Familienbiografien konzipiert werden konnten.

    Aus der studentischen Grundlagenarbeit sind inzwischen weitere Bausteine des gewachsenen Projekts zur Erinnerungskultur entstanden:

    »We, the six million« wurde mittlerweile in eine Ausstellung und ein Forschungsprojekt unterteilt. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts werden kontinuierlich durch Schulprojekte in die Ausstellung integriert. Auf diese Weise entwickelt sich die Ausstellung ständig weiter. So befasste sich das erste Forschungsprojekt mit Biografien von jüdischen Menschen, die vor dem Zweiten Weltkrieg im westlichen Rheinland lebten, ein weiteres mit jüdischen Menschen, die untergetaucht waren und mit dem Leben der Helferinnen und Helfer. Auch aus diesem Forschungsprojekt entstanden mehrere Publikationen und neue Roll-Ups für die Wanderausstellung.

    „We, the six million“ hat seine historische Dimension erweitert und beinhaltet nun neben der Ausstellung (kostenfrei ausleihbar als deutsche oder englische Version) auch andere Dokumente und Bücher als Materialien zur Vorbereitung und Begleitung.

    Im Zentrum der Arbeit und auch der weiteren Forschung steht die Arbeit mit Gruppen in Schulen oder anderen Einrichtungen. Im Rheinland aber immer öfter auch darüber hinaus, im benachbarten und ferneren Ausland und natürlich auch in Israel. Darüber berichten wir für Sie im Folgenden.    

    Das Projekt „We, the six million“ ist gegenwärtig bei der Staatskanzlei NRW angedockt: Auch das zeigt die Professionalisierung und Bedeutung der ehemals studentischen Wanderausstellung, die immer weiterwächst. Über unsere Partner und Unterstützer erfahren Sie ebenfalls mehr in den nächsten Kapiteln.

    Welche Ziele verfolgt das Projekt?

    Mit zunehmendem zeitlichem Abstand zu den Ereignissen und immer weniger Menschen, die aus eigener Erfahrung hierüber berichten können, droht die Erinnerungskultur an zivilgesellschaftlicher Schlagkraft zu verlieren.

    Deshalb würdigt unsere Ausstellung die dargestellten Menschen und erinnert an ihren Lebens- und Leidensweg. Sie will sich der antisemitischen Intention der Nationalsozialisten entgegenstellen und an die Einzigartigkeit der Shoah erinnern. Den politischen Rahmen des Projekts bildet die individuelle Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus, Antisemitismus, Flucht und Shoah.

    Die Novemberpogrome 1938 bilden den historischen Orientierungspunkt der Wanderausstellung, die das Zentrum unserer Arbeit ist und für ihre Besucher oftmals die erste Begegnung mit Einzelschicksalen ermöglicht.

    Der biografische Ansatz der Ausstellung ermöglicht es jeder Besucherin und jedem Besucher Ängste und Gefühle der Betroffenen nachzuempfinden. Hier setzt auch der „interaktive Ansatz“ an, den wir weiter unten konkreter darstellen. Auf diese Weise wird ein vertiefter Umgang mit der Vergangenheit ermöglicht und für Diskriminierung und Ausgrenzung sensibilisiert.

    Wer ist für „We, the six million“ verantwortlich? Welche Partner und Unterstützer gibt es?

    Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Düsseldorf: Trägerin des Projekts

    Janine Glielis: Projektleiterin

    Staatskanzlei NRW: Am 9. November 2023 veröffentlichte die Landesregierung Nordrhein-Westfalens einen 10-Punkte-Plan zur Bekämpfung des Antisemitismus. Unter Punkt 8 wird das Projekt „We, the six million“ als Modellprojekt zur Unterstützung und Verstärkung der Zusammenarbeit von Schulen aus Israel und NRW genannt und hervorgehoben.

    Büro des Landes Nordrhein-Westfalen für Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Jugend und Kultur in Israel: Begleitet die Schulkooperationen zwischen deutschen und israelischen Schulen

    Projekt »Shalom Chaveruth« der Landesregierung NRW(Hebräisch für Frieden und Freundschaft): stellt Mittel zur Wiederherstellung der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Bedingungen in den Grenzgebieten zu Gaza und dem Libanon zur Verfügung.